Naturschutzgebiete

 

Wir sind im Kontakt mit Yeni und Toni, sie sind am Samstag in Alicante auch mit den Velos für eine grosse Tour durch Europa losgefahren und wir bewegen uns ganz in der Nähe. Eines Morgens ist es dann soweit, sie besuchen uns auf einem Campingplatz. Was für ein Hallo und Wiedersehen!
Wir verabreden uns auf einem Camping etwa 70 Km weiter von hier, um dort gemeinsam zu campen und Erfahrungen auszutauschen. Sie fahren schon mal los, wir müssen zuerst noch zusammenpacken….Wir fahren über die Strässchen im Inland, sie der Küste entlang, was vielleicht einen Unterschied von einigen Kilometern ausmacht, aber wir fahren lieber durch Orangenfelder als durch tote Ferienstädte. So erreichen wir nachmittags Benicassim, einen Ferienort, der noch ein bisschen belebt wirkt, da hier wahrscheinlich genug Leute überwintern. Wir sind sogar früher da als die Beiden, richten uns ein, nachdem ich vergeblich versucht habe, um den Preis zu feilschen. Ich finde einfach, dass wir nicht so viel bezahlen müssten wie die Camper Vans. Aber der Mann an der Rezeption ist und bleibt freundlich unerbittlich. Als wir dann auf der Wiese aufstellen wollen, muss er sich noch einmal einmischen und verweist uns auf eine Parzelle, die schön mit Plastik und Kieselsteinen ausgelegt ist, gut für einen Camper oder Wohnwagen, aber nicht so gut für uns mit Zelt und Heringen. Als dann die Beiden ankommen, ist ein anderer Mann da, der will zwar auch den gleichen Preis, aber sie hätten auf der Wiese zelten dürfen! Nun, da wir uns schon eingerichtet haben, bleiben sie bei uns. Wir verbringen einen gemütlichen Abend zusammen, sie freuen sich auf all die Abenteuer, die sie dieses Jahre auf ihrer Velo-Reise durch Europa erleben werden.
Der nächste Tag wird zur Herausforderung, viele Wolken und ein Lüftchen, das sich immer mehr gegen uns wendet und uns immer kälter und böig um die Ohren pfeift. Wir begegnen einem Tourenfahrer, er kommt von Zaragossa her, wir plaudern etwa eine Viertelstunde, dann haben wir so kalt, dass wir weiterfahren müssen. Er erzählt uns von einem Franzosen, der ein Bio-Restaurant aufgemacht hat, gerade kurz vor Alcossobre, da wollen wir hin. Als wir endlich ankommen, ist es so kalt geworden, wie schon lange nicht mehr. Gerne lassen wir uns eine warme Mahlzeit kochen, diskutieren über dies und das, und als er uns anbietet, dass wir in seinem Studio übernachten könnten, bin ich sofort dafür. Im Sommer vermieten sie es an Feriengäste, jetzt steht es leer. Sie kennen auch workaway, haben oft Leute da, die mithelfen und dafür hier auch Ferien machen können. Wir verbringen den Rest des Tages drinnen, weg vom Wind, Juhui! Am nächsten Morgen weht kein Lüftchen mehr und wir geniessen auf der Terrasse des Restaurants unser Frühstück. Victor wünscht uns eine gute Reise und wir ihm viel Erfolg für seine weiteren Lebens-Pläne.
Das nächste Highlight wartet auf uns, die Sierra d’Irta, wildes Hügelland, ein Nationalpark, und mitten drin ein Campingplatz. Das muss sicher ein schöner Platz sein, wir kaufen ein, damit wir genug Essen dabei haben für zwei bis drei Tage und fahren los. Leider ist der Camping eine grosse Enttäuschung, eher ein Parkplatz für Campers, langweilig und überhaupt nicht so, wie wir uns vorgestellt haben. Deshalb fahren wir weiter, wir suchen uns selber ein schönes Plätzchen. Da es viele Wege hat in dieser Sierra, verfahren wir uns trotz GPS und müssen die Räder auf einem Weg, das gerade für Wanderer gut ist, schieben.
Aber wir sind ganz allein mit dem Meer, dem Wind (der wieder aufgefrischt hat) und der Natur! Rosmarin, Thymian, Pinien, wilde, rote und violette Blumen, gelbe Büsche, etc. etc. Bei einer kleinen Bucht müssen wir alles abladen, da geht’s auf der einen Seite 2 Meter runter und auf der anderen über Steine und Felsen wieder hinauf. Wir machen eine Pause und essen unser Picknick hier unten, einigermassen geschützt vom Wind.
Martin sucht dann den einfachsten Weg auf der anderen Seite wieder hinauf, wir laden die Räder, und kurze Zeit später sind wir auf dem richtigen Weg. Etwas weiter vom Meer weg hat es kleine Pinienwäldchen, gut, um wind- und blickgeschützt zu übernachten. Nach kurzem Suchen werden wir fündig, ein Plätzchen mitten in einem Wäldchen, ohne Stachelgebüsch und ohne Scherben! Zuerst aber bleiben wir weiter vorne an der Sonne, die ist nämlich sehr warm, wenn man nicht dem Wind ausgesetzt ist. Erst nach dem Kochen und Abendessen, als es beginnt, dunkel zu werden, gehen wir zu unserem Plätzchen und richten uns für die Nacht ein. Danach sitzen wir in der Abendstille und lauschen den Nachtgeräuschen, der Wind hat sich gelegt, man hört das Rauschen der Wellen. Es sind solche Momente, die uns sehr gefallen, die wir nie vergessen werden.
Und genau in diesem Moment trabt ein Tier in unser Blickfeld, etwa 10 Meter entfernt, bleibt stehen, und ich flüstere: „schau mal, ein Wildschwein!“ Da dreht es den Kopf in unsere Richtung und stellt die Ohren auf, es erscheint mir riesig! Ohne viel zu denken, stehe ich auf und klatsche in die Hände, so locker, wie wenn man eine Katze wegscheucht! Das Schwein studiert zum Glück nicht lange, trabt davon und verschwindet hinter den Büschen. Hei das ist ja ein Ding, so ein grosses Wildschwein haben wir noch nie gesehen! und nicht einmal erschrocken bin ich! Wir überlegen uns dann aber schon, was hätten wir gemacht, wenn es sich gegen uns gedreht hätte, um in unsere Richtung zu kommen? Keine Ahnung, laut geschrien, sehr wahrscheinlich! Trotz diesem Erlebnis schlafen wir sehr gut hier.
Der Morgen begrüsst uns freundlich ohne Wind, dafür mit blauem Himmel und Sonne, es ist warm und das Zelt trocken, was bis jetzt selten ist, meistens ist es morgens tropfnass, wegen dem Kondenswasser oder dem Tau. Beim Frühstück hören wir plötzlich ein Auto, es nähert sich unserem Plätzchen, hält dann aber vorne, wo wir am Tag zuvor die Sonne genossen und gekocht hatten. Zwei Männer steigen aus, reden miteinander, entfernen sich zu Fuss. Sicher die Bauern, die in der Nähe ein Feld anpflanzen wollen, das haben wir gestern gesehen, gepflügt. Wir verhalten uns still, wollen nicht unbedingt entdeckt werden. Nach etwa 10 Minuten hören wie die beiden wieder und dann den Motor des Autos und weg sind sie. Wir denken noch, dass sie vielleicht auch Abfall hergebracht haben, solche Plätze sind beliebt um heimlich Matratzen oder anderes zu entsorgen. Als wir fertig sind und wegfahren, schaue ich genau hin und sehe, dass sie einen grossen Stein in den Weg zum gepflügten Feld hingelegt haben, damit niemand dort hinauf fahren kann. Vielleicht waren es doch Bauern, die nicht wollen, dass man ihr Feld findet oder so eine Art Aufseher, die aufpassen, dass hier niemand Felder anlegt?? Naja, wir sind froh, dass wir unentdeckt wegfahren können, wir wollen keine Unannehmlichkeiten mit irgendwelchen Leuten.
Bald ist die schöne Landschaft vorbei, wir begegnen noch einigen Sonntags-Radfahrern, dann kommen wir nach Peniscola, ein hübsches Städtchen, leider ringsum verbaut mit den üblichen, hässlichen Ferienbauten. Unser Ziel ist jetzt das Ebrodelta, ein anderes Naturschutzgebiet, mit vielen Vögeln, Sumpf und Schilf. (denken wir!) Das Wetter verwöhnt uns mit Sonne und Wärme, wir müssen uns nicht beeilen, bleiben auf einem schönen, ruhigen Campingplatz. Hier beobachten wir eine Wolkenwand, die sich im Laufe des Tages auftürmt, grau und schwarz wird, die Kante genau über uns, so dass wir nicht wissen, ob es auch bei uns kommt oder nicht. Auf der anderen Seite ist nämlich immer noch wolkenloser, blauer Himmel, und die Sonne scheint auf unser Zelt. Aber, wir haben Pech, ein Wind kommt auf, das Grollen des Donners kommt immer näher, die Blitze zerreissen den Himmel und dann leeren sich die Wolken über uns aus, wie aus Eimern schüttet es! Wir sitzen gemütlich in unserem Zelt, Martin macht eine verlängerte Siesta und ich lese in meinem elektronischen Buch, das über 1400 Seiten hat. Es ist die Geschichte über die Indianerin Sagajawea, die als Übersetzerin 1805 die Expedition von Lewis und Clark durch den Westen der USA begleitet hatte. Da es in Englisch ist, muss ich oft Wörter übersetzen, damit ich wirklich verstehe, was sich alles abgespielt hat. Viele Bräuche und Riten der verschiedenen Stämme werden beschrieben und Auszüge aus den Tagebüchern der beiden Entdecker machen das Buch so lang, aber auch sehr interessant.
Die Fahrt durch das Ebrodelta ist dann eine kleine Enttäuschung, kaum Wildnis wie wir erwartet haben, wir sehen fast keine Vögel, die uns auf einer Tafel präsentiert werden, sondern viel trockene Erde, Reisfelder, die in dieser Jahreszeit von Traktoren bearbeitet werden, erst Ende April wird bewässert und der Reis gepflanzt. Ab und zu eine Reihe Palmen, die nicht wie an den Promenaden von den alten Palmwedeln befreit werden, so sehen also die Palmen eigentlich aus.
Weil es noch nicht so feuchtwarm ist, hat es noch keine Mücken und wir können abends lange draussen sitzen und den Abendhimmel bewundern.
Von nun an geht’s auf alten Spuren, hier fuhren wir schon einmal vor etwa 6 Jahren, noch mit dem Anhänger, und den alten Fahrrädern. Ein Erlebnis werden wir nie vergessen: Da war eine lange Strecke einer Nationalstrasse, die trotz Autobahn nebenan voller Lastwagen war, wir fuhren auf dem Pannenstreifen und da kam von hinten so ein Laster auf dem Pannenstreifen, ich sah ihn von weit her kommen in meinem Rückspiegel, der machte keine Anstalten, wieder auf die Strasse zu schwenken, war der wohl eingeschlafen?? Martin schrie mir zu, dass ich vom Velo aus über die Leitplanke springen sollte, meine Reaktionsfähigkeit war aber nicht so schnell, ich überlegte noch, was dann alles passieren könnte, da schwenkte der Lastwagen gerade im richtigen Moment auf die Strasse zurück und donnerte an uns vorbei. Martin sah nur, dass der Fahrer eine Zeitung auf dem Steuerrad hatte, der war wohl gerade tief in einen Artikel vertieft!
Eben dieses Stück der Nationalstrasse werden wir sicher nicht fahren, heute haben wir das GPS dabei und finden die Strassen entlang des Meeres, manchmal in besserem oder schlechterem Zustand.
Auf Feldwegen geht es ab und zu ziemlich steil rauf und runter, über die Hügel, ist aber viel schöner und entspannter, als auf dem Pannenstreifen zu fahren. Nur etwa 4 Kilometer müssen wir auf die grossse Strasse, die hat sich noch keinen Deut gebessert, die Autobahn ist fast leer, die Nationalstrasse voller 40Tönner. Hier muss man sicher bezahlen für die Autobahn!
Eine Nacht verbringen wir in Sichtweite eines AKWs, der Camping ist in einem Top Zustand, aber es hat fast keine Leute hier. Auch für uns ist es etwas unheimlich, man hört das Brummen des AKW, in der Nacht noch viel deutlicher als am Tag, und am Morgen hören wir Lautsprecherdurchsagen von dort her, verstehen aber nicht, was das bedeutet. Ich habe in Wikipedia nachgeschaut, Vandellòs heisst das AKW, hat schon einige Jahre auf dem Buckel und einige schwere Störfälle hinter sich. Nummer 1 ist stillgelegt und am Abkühlen, seit fast dreissig Jahren, Nummer 2 hatte im Jahr 2015, den letzten schlimmen Störfall. Wir fahren weiter, im Bewusstsein, dass wir noch längere Zeit im Einflussgebiet von diesem AKW unterwegs sein werden.
Wir bleiben ein paar Tage auf einem wirklich schönen Camping, mit viel Blick aufs Meer und Plätzen, die man selber aussuchen kann, keine Parkplätze, Parzellen in Reih und Glied. Der Wind ist wieder ein Thema für uns, er soll in Böen bis zu 75km/h daherkommen, da wollen wir ein windgeschütztes Plätzchen. Die Mauern der Terrassen sollen uns Schutz geben, von den erwarteten Windstössen. Dazu spannen wir am Zelt alle Schnüre straff ab. So sind wir gut vorbereitet, und als es am Abend noch zu regnen beginnt, gehen wir ins Restaurant essen und verbringen das Gewitter an der Wärme. In der Nacht kommt der Wind mit seiner ganzen Gewalt, ich kann nicht mehr schlafen so wild wütet der da draussen. Es kommt mir vor, wie wenn ein Tier seine Beute im Maul hat und zu Tode schüttelt, so wird unser Zelt durchgeschüttelt, dann rauscht es wieder laut in den Bäumen und wie von einer Faust aus dem Nichts wird unser Zeltlein zu Boden gedrückt. Wir sind der Natur ausgeliefert! Das ist ein ungemütliches Gefühl, dazu die ungemütlichen Gedanken, ob wohl die Bäume ringsum der Gewalt standhalten können und nicht umkippen, gerade auf unser Zelt? Wir überleben diese Nacht aber unbeschadet und wie ich am Morgen aus dem Zelt komme, leuchtet die Sonne und der Himmel strahlt blau um die Wette mit dem Blau des Meeres, das immer noch aufgewühlt wird von dem unvermindert blasenden Wind.
   Wir werden uns nicht bewegen von hier, bis der sich beruhigt hat. Ganz nahe an der Mauer finden wir sogar ein fast windstilles Plätzchen, um den Kocher in Betrieb zu nehmen und Kaffee zu machen. Was wäre der Tag ohne den „Best Moment“! Wir beobachten beim Frühstücken, wie sich einige Camper aus der Meeres-Frontlinie entfernen, sich näher zu einer Mauer in den Windschatten stellen, die hatten wohl auch nicht gerade eine ruhige Nacht.
Die „Wartezeit“ verbringen wir mit Schreiben, Lesen, Spazieren gehen, in der Sonne liegen, Wäsche waschen und Velos putzen, fotografieren,….

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