ViaRhôna

Ein paar Tage fahren wir im Rhônetal aufwärts, meistens dem Fluss oder seinen Nebenarmen entlang, die Veloroute ist gut ausgeschildert und fast ohne Verkehr! Dass es hier viel Industrie hat, wissen wir, ein AKW sehen wir in der Ferne und gegen Abend fahren wir an vier Kühltürmen vorbei, sehen und hören, wie das Wasser rauscht. Auch diesmal ist es, wie in Spanien, ein eigenartiges Gefühl, so nahe an einem so gefährlichen Ding zu stehen, nur geschützt durch einen Zaun, der ganz einfach zu übersteigen wäre… Wo sind da die Überwachungskameras? Wie ist das für die Leute, die gerade nebendran wohnen? Blendet man mit der Zeit die Gefahr einfach aus? Glaubt man an die Sicherheit, die vorgegaukelt wird? Nun ja, das AKW Mühleberg ist auch nicht so weit weg von Burgdorf und wir haben uns diesbezüglich kaum Gedanken gemacht über unsere Sicherheit.
Am ersten Abend, gerade als wir anfangen wollen zu kochen, ziehen dicke schwarze Wolken auf, es grummelt bedrohlich da oben. Schnell räumen wir alle unsere Sachen wieder ins Zelt, mitsamt Tisch und Stühlen, es ist wie letztes Jahr in England, rein mit uns bevor wir nass sind. Da fallen schon die ersten dicken Tropfen auf das Zelt! Noch ein paar Windstösse , dann beginnt es zu schütten wie aus Kübeln! Wir haben zum Glück einen grossen Einkauf gemacht, nachdem wir von der Ardéche ins Rhônetal eingebogen sind. So können wir uns ein wunderbares kaltes Menu zusammenstellen: wir machen einen Maissalat mit Zwiebeln und Peperoni, dazu Ziegenkäse und frisches Brot und zum Dessert ein Joghurt mit Crème de Marrons de l’Ardéche aus der Tube! Köstlich! Und dazu von oben als musikalische Begleitung das Trommeln des Regens und das Donnern.
Via RhônaEin neues Teilstück der ViaRhôna wird eingeweiht, wir begegnen vielen Radfahrern, von Veteranen bis zu ganzen Familien, die den Weg mit dem Wind südwärts fahren, der bläst uns heute wieder mal ärgerlich stark ins Gesicht. Aber wir haben schöne Begegnungen, Gespräche am Wegrand und an einem der Stände, wo gratis Kuchen, Kaffee oder andere Getränke ausgeschenkt werden. Fast wie ein Slow-Up (Fahrrad-Event in der Schweiz), nur viel kleiner und persönlicher. Bei einer Mittagspause fahren Tourenfahrer an uns vorbei, wir grüssen einander freundlich, aber anhalten mag niemand. Die Leute haben nicht viel Zeit zum Plaudern auf dem Weg. Und wir fahren eindeutig in die falsche Richtung, gegen den Wind, gegen den Strom! Aber doch, da fährt ein Mann daher, bremst ab und freut sich, mit uns zu plaudern, stellt sein Zelt auf, das nach dem Gewitter gestern noch nicht ganz trocken ist und erzählt uns von seinen Reisen und wir von unseren! Er kocht seine Mahlzeit am Mittag, und abends stellt er sein Zelt auf, wo es ihm gerade gefällt. So fährt er schon seit ein paar Jahren in Europa herum und lebt sein Leben auf diese Weise!
Die Vegetation verändert sich in diesen Tagen, langsam verschwinden die Olivenbäume, Palmen und Reben, immer häufiger tauchen Kirschen-, Aprikosen-, Pfirsich- und Nektarinen-Plantagen auf. Weizen, Roggen, Hafer, Mais und Kartoffeln werden auf den Feldern angepflanzt, fast wie zuhause. Neu sind die vielen grossen lichten Wälder aus Nussbäumen, die immer häufiger werden. Les noix de Grenoble! Hinten erheben sich die ersten Berge der Alpen und als wir hinter Valence abbiegen, um der Isère entlang zu fahren, nähern wir uns ihnen schnell.
 Noch eine kleine Episode im Zusammenhang mit dem GPS! Bei der Planung am Morgen habe ich einen Camping kurz nach Valence ausgesucht, ca. 60km auf der Veloroute zu fahren, dann kurz vorher rechts auf ein kleines Strässchen abbiegen, das uns direkt zum Platz führt. Da ich aber das GPS so eingestellt habe, dass die Entfernung relativ gross ist, sieht man nicht so genau, welche Strassen sich wirklich berühren und wo vielleicht noch ein Kanal dazwischen liegen könnte! So fahren wir diese grosse Schlaufe auf einem Damm, links der Fluss und rechts ein Kanal und  keine Abzweigung oder Brücke weit und breit. Wir haben schon fast 70 km hinter uns, es ist schon 18 Uhr gewesen, so langsam haben wir Hunger. Schon sage ich zu Martin, dass wir sehr wahrscheinlich einen Umweg von etwa 8km machen müssen, bis zur nächsten Brücke, da sehe ich plötzlich einen kleinen Steg über den Kanal. Da könnte man vielleicht hinüber! Zu Fuss gehe ich mal das steile Bord hinunter und erkunde die andere Seite, ob da ein Weg irgendwo hinführen könnte. Es hat ein Zaun, aber das GPS zeigt mir nun, nachdem ich herangezoomt habe, dass nach ein paar hundert Metern ein Fussweg abzweigt und auf die Strasse, die zum Camping geht, führt. Also runter mit den Fahrrädern, über das Brücklein und dem Waldweg entlang-hier könnte man auch wild campen….
Als wir ankommen, steht an der Türe der Rezeption: Complet! Das kann doch nicht möglich sein! Aber wirklich, als ich eintrete, schickt die Dame gerade ein Paar weg, die mit einem Camper-Van angekommen sind. Der nächste Platz sei nur 20km entfernt, das sei nicht weit. Kehren wir jetzt zum Fussweg am Kanal zurück? Ich hoffe, dass sie uns nicht wegschicke, sage ich zur Begrüssung, wir bräuchten nur ein kleines Plätzchen! Und wir dürfen in einer Kurve unter zwei Aprikosenbäumchen unser Zelt aufstellen, das ist zwar kein offizieller Platz (jedoch mit offiziellem Preis), aber wir sind froh, dass wir die Duschen benützen können! Etwas komisch finden wir nur, dass zwei Plätze gerade auf der anderen Seite frei sind und bis am anderen Morgen nicht besetzt werden.
Durch Weizenfelder und immer wieder einmal runter an die Isère, über eine Brücke und auf der anderen Seite wieder hinauf, haben wir den ganzen Tag die nahenden Berge vor den Augen.
Das Gewitter am nächsten Tag erwischt uns zum Glück nicht, wir haben gerade das Zelt verlassen und stehen bei den Toiletten unter dem Dach, als es beginnt zu schütten! Aber schon nach einer halben Stunde ist es vorbei und wir können im nahen Dorf einkaufen, auf der anderen Seite der Isére, runter und wieder rauf! Das machen wir heute ausnahmsweise mal ohne Gepäck! In einer grossen Schleife des Flusses, wo er sich Richtung Grenoble wendet, verlassen wir die Veloroute und nehmen wieder einmal eine normale Strasse, auf der wir über einige Hundert Höhenmeter hinauf zum Lac de Paladru schwitzen. Es kommt uns immer mehr vor wie im Kanton Freiburg, oder im Emmental?
Nur die Häuser sehen etwas anders aus als in der Schweiz. Von da geht’s dann wieder hinunter, Richtung Rhône, wo sie sich von Norden her Richtung Lyon wendet, wir werden nordwärts Richtung Genf fahren. Oh, jetzt sind wir schon nahe der Schweiz! Ab hier hat es wieder mehr Tourenfahrer, Deutsche und Schweizer! Aber das Paar, das sich neben unserem Platz niederlässt ist aus der Türkei! Wir freuen uns, mit ihnen zu plaudern, sie erzählen uns, dass sie nur drei Monate Zeit haben, wegen dem Visum! Dann gehen sie zurück, erneuern das Visum und fahren wieder los! Am Morgen, bevor sie früh losfahren, machen sie uns einen türkischen Kaffee!
Die Hitze macht uns nun zu schaffen, es wird über 30°, wir stehen um 6 Uhr auf und um 8 Uhr geht’s los. Dazu kommt, dass wir uns nicht beeilen müssen, wir wollen ja erst so gegen den 20. Juni zuhause eintrudeln. Wir fahren kürzere Etappen, damit wir die Mittagshitze im Schatten, am Pool oder Fluss verbringen können. Und einmal in Ruhe dem Stress der Sportfischer zuschauen.
Dann sitzen wir mal gemütlich auf der Terrasse eines Cafés am Fluss, und geniessen ein Eis, da sehen wir auf der anderen Seite Polizeimotorräder mit Blaulicht und Sirene über die Brücke und fast am Café vorbeibrausen. Was ist da los? Eine Suchaktion? Frankreich ist in höchster Alarmbereitschaft, die Polizisten sehen wir mit der Schussweste bekleidet in ihren Autos sitzen, und nun plötzlich hier, weit weg von einer Stadt so viel Polizei? Wir verlassen die Terrasse, und da sieht Martin auf der anderen Seite des Flusses ein paar Radfahrer mit einigen Motorrädern und Autos in Begleitung. Und dann brummt ein Helikopter über unsere Köpfe. Hei, das ist ein Velo-Rennen! Die Tour de France?! Schnell, an die Strasse, das müssen wir sehen!
Ich nehme die Kamera aus der Tasche und mache ein Foto vom Haupt-Feld, als sie auf der anderen Seite auftauchen – die sind aber sehr schnell! Und soooo viele Autos und Motorräder fahren vorne und hinten mit! Das ist ja verrückt!
An der Strasse habe ich gar keine Zeit, die Kamera einzustellen, es rauscht und im Nu sind die Radfahrer vorbei, dann die Motorräder und all die Autos der verschiedenen Equipen, mit Rädern auf dem Dach, oben der Helikopter, dann ein Pannenfahrzeug, eine Ambulanz und zum Schluss noch einmal ein paar Polizeimotorräder mit Blaulicht. Dann ist der Spuk vorbei und plötzlich wieder gespenstisch still! Ich muss lachen, na so etwas, da sitzt man ahnungslos auf einer Terrasse und plötzlich flitzt die Tour de France vorbei! Andere Leute gehen extra hin, warten stundenlang, um ja nichts zu verpassen,….
Am „See des Bettes des Königs“ machen wir wieder Halt. Die Campingplätze sind an dieser Strecke einfach sehr schön, mit Aussicht auf die Rhone und recht velofreundlichen Preisen. Gegen Abend fährt ein Berner Camping-Bus auf einen Platz in unserer Nähe. Wir kommen mit dem Paar ins Gespräch, es sind spannende Leute und wir plaudern lange miteinander, am Abend und dann auch wieder am nächsten Morgen! Vielleicht treffen wir uns einmal in der Schweiz! Machen zusammen ein Feuer oder eine Kanufahrt und diskutieren weiter!
Und in Seyssel verbringen wir unsere letzte Nacht  in Frankreich, es geht endgültig in die Schweiz. Da sind gemischte Gefühle, wieder nach Hause zu kommen!

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