Weiter nach Bayreuth

Den ganzen Morgen regnet es, wir warten bis mittags, und da hört der Regen auf und wir können doch noch der Donau entlang fahren. Nicht Richtung Wien, nein! Richtung Regensburg, aber wir werden vorher abbiegen, auf einen Radweg, der uns nach Cham bringen wird. Eine stillgelegte Eisenbahnstrecke, umgebaut zu einem Radweg, für uns bekannt als „Via Verde“. So macht es Spass, in den Bayrischen Wald und die Oberpfalz zu fahren. Ohne grosse Steigungen, da die Züge ja auch nicht so steil hochfahren konnten.
Bevor wir aber in Bogen abbiegen, finden wir einen Zeltplatz beim Motorbootclub Winzer (jaja, einen Ort namens Winzer gibt es da). Es ist Mittwoch vor Auffahrt und einige Clubmitglieder werden die Feiertage hier in ihren Wohnwagen oder Wohnmobilen verbringen. Ernst geht hin und fragt, ob wir auch unsere Zelte aufbauen dürfen und wirklich, wir dürfen. Freundlich werden wir aufgenommen, ausgefragt nach dem Woher und Wohin, und bekommen Geschichten erzählt.
Ernst kann sehr gut auf die Menschen zugehen, mit ihnen plaudern und nach einer Übernachtungsmöglichkeit fragen.

Schon am nächsten Abend, nach einer schönen Fahrt auf der Eisenbahnstrecke, gelingt es ihm wieder, einen tollen Platz zu finden. Während Maritn und ich noch im Wald herumstolpern und nach einem flachen Plätzchen für zwei Zelte suchen, ist er weitergefahren. Bei ein paar Häusern fragt er eine ältere Frau ob wir auf der frisch gemähten Wiese unten am Weg die Zelte aufschlagen dürfen, da lädt sie ihn ein. Hinter ihrer Scheune gibt’s ein flaches Plätzchen und die Haustüre lässt sie dann offen über Nacht, damit wir die Toilette benutzen können. Was für ein Vertrauen in wildfremde Menschen!
Immer wieder erleben wir das, auf dem Rad sind wir nahbar, ansprechbar und irgendwie vertrauenswürdig.

Etwas wenig Luft im Reifen, muss gepumpt werden!

Die Strecke nach Cham ist abwechslungsreich. Wir müssen uns auf starken Gegenwind und ein paar kalte Nächte einstellen, es will nachts unter 5 Grad werden. Das heisst, dass am Morgen die Zelte immer tropfnass sind, und das Gras auch. Somit die Füsse auch. Aber beim Fahren wirds fast immer warm.
Aber zwei Tage später, nach einer sehr kalten Nacht bei Rötz, Zelt im nassen Gras zusammenpacken, radeln mit Gegenwind und einem Regenguss mit Hagel (dessen Ende wir bei einem Bauernhof unter dem Dach abwarten), suchen von einem Campingplatz, der dann nicht mehr in Betrieb ist und zuletzt ein Gasthof, der geschlossen ist, die Füsse seit Stunden eiskalt, da entscheiden wir uns, eine Ferienwohnung aufzusuchen, die Ernst in Nabburg gefunden hat. Endlich werden die Füsse wieder warm, die heisse Dusche tut so gut wie noch selten. Wir kochen uns ein feines Essen und bleiben dann schön kuschelig auf dem Sofa, während Antonia und Ernst noch einen Spaziergang durch die Stadt machen. Was für ein Luxus, in einer Wohnung zu sein wenn es draussen so kalt ist!

Wieder an einer ehemaligen Bahnstrecke steht eine Dampflokomotive unter einem Dach. Und es ist ausdrücklich erlaubt, dass man auf ihr rumklettern darf! Was wir natürlich sofort machen.

Dann wird es wieder schöner und wärmer, kein Regen, eine recht gemütliche Strecke erwartet uns. Wir fahren beschwingt durch die Gegend, immer wieder bezaubert von der Landschaft. Von weitem sehen wir schon die riesige Autobahnkreuzung, an der wir vorbei müssen. Auf der Karte finde ich beim Bahnübergang ein lustiges Zeichen und erzähle den anderen, dass es hier eine Telefonkabine hat! Wir lachen und wundern uns, aber als wir vor der geschlossenen Schranke stehen, ist da wirklich so eine Art Telefon!
Wir bedienen den Hebel nach Vorschrift und erhalten sofort die Auskunft, dass wir etwas warten müssen, „ein Zug ist gerade unterwegs“. Bald schon düst wirklich ein Zug vorbei. Dann warten wir wieder, und nach etwa 5 Minuten sagt uns der Mann, er öffne jetzt die Schranke und wenn wir drüben seien, sollen wir dort den Hebel drücken, damit er wieder schliessen kann. Genau so machen wirs und schon fällt die Schranke zu. Gute Erfindung, einen so wenig befahrenen Übergang zu sichern!

Beschwingt fahren wir weiter, bis nach Weiden, wo wir einen Sportladen aufsuchen. Antonias Matratze ist zu dünn und zu klein, sie schläft nicht gut drauf. Wir suchen eine bessere, bequemere, die aber auch ganz leicht sein sollte. Leider haben sie da nichts in dem Geschäft. Wir kurven durch das Zentrum, besichtigen die Innenstadt und fahren dann weiter. Wir werden erwartet von einer Cousine von Ernst, zum Abendessen und Schlafen im Haus! Der Abend wird sehr gesellig, obschon Martin und ich kaum Oberbayrisch verstehen!

Wir entscheiden, uns etwas westlich zu halten, da gibt es weniger steile Anstiege, als wenn wir direkt nordwärts durch das Fichtelgebirge fahren. Da bin ich doch beim Routen suchen sogar auf Skilifte gestossen! Puh, so hoch wollen wir gar nicht hinaus! So werden wir in zwei Tagen in Bayreuth eintreffen! Zuerst aber fahren wir noch an Grafenwöhr, einem grossen Truppenübungsplatz vorbei. Der amerikanische Einfluss ist deutlich bemerkbar, plötzlich sind Geschäfte englisch angeschrieben und auf den Parkplätzen stehen lauter amerikanische Autos. Bei Eschenbach in der Oberpfalz gibt es ein paar Weiher, die ein grosses Vogelschutzgebiet bilden. Über 100 verschiedene Vogelarten brüten hier. Wir machen Pause bei einem Weiher und hören hier wieder diesen Vogel so aufgeregt rumzwitschern, der uns schon am Baggersee am Inn so aufgefallen ist. Was das wohl für einer ist?

Der Himmel hat sich stark bewölkt und wir müssen wieder mit Regen rechnen. Wollen wir hier im grossen Wald einen Platz für die Zelte suchen? Aber es fehlt uns Trinkwasser. Deshalb warten wir im Schutz der Bäume auf das Ende des Regens und fahren noch ein Weilchen, besichtigen eine Art Waldhütte, die aber leider zu nahe an der Strasse steht. Im nächsten kleinen Dorf gibt es zwar einen Brunnen, kein Trinkwasser! Dafür regnet es wieder!
Nochmals eine kleine Pause unter dem Dach einer kleinen Kapelle bis wir zwei Dörfer weiter auf dem Friedhof unsere Wasservorräte füllen können. So jetzt aber noch den nächstbesten Platz finden! Keine 500 Meter vom Dorf entfernt steht eine Kapelle mit kleinem Parkplatz, frisch gemähtem Gras und ein paar Bäumen rundum. Perfekt für uns! Wir packen unsere Küche aus, jetzt haben wir uns ein gutes Abendessen verdient. Während wir genüsslich unser Abendessen vertilgen, ertönt plötzlich Traktorenlärm, der immer näher kommt. Durch die Wiese nähert sich ein Ungetüm so schnell, dass wir fast Angst bekommen, dass unsere Taschen unter den Mäher kommen. Martin steht auf und geht zum Bauern, um ihm zu dagen, dass wir auch noch da sind. „Passt schon“ ist dessen Antwort,er lässt etwas vom hohen Gras der Wiese stehen und fährt mit einem Lächeln an uns und der Kapelle vorbei! Der hat auf jeden Fall auch gecheckt, dass wir hier die Nacht verbringen wollen, obschon noch kein Zelt da stand.Wir stellen diese nun zwischen die Bäume, die restlichen Büschel der Wiese und der Kapelle, so dass man sie von der Strasse aus nicht sehen kann. Und verbringen eine ruhige Nacht die nur von einem Regenguss etwas gestört wird. Am Morgen scheint die Sonne vom blauen Himmel und wir machen wie fast jeden Morgen unser Yoga. Das tut so gut, ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie wir über so lange Jahre radeln konnten, ohne Yoga zum Ausgleich zu machen.

Zwischen den Bäumen und hinter den Grasbüscheln stehen versteckt die Zelte.

In Bayreuth habe ich einen Warmshower Gastgeber gefunden, bei dem wir zu viert übernachten dürfen, im Garten, oder auch in der Wohnung und in einem Zimmer unter dem Dach! Das freut uns sehr! Beschwingt fahren wir die Strecke bis in diese Stadt, obwohl doch noch ein paar nahrhafte Steigungen drin sind. Aber dafür auch ein paar schöne Abfahrten. Bayreuth ist eine touristische Stadt, das merkt man schnell, aber sie ist auch sehr geschichtsträchtig. Wir suchen einen Fahrradladen auf, die Federgabel von Ernst seinem Fahrrad verliert etwas Luft, und Martin braucht für seine Clickschuhe neue Clicks, die alten sind so abgewetzt, dass er sie nicht mehr benützen kann. Im Schlossgarten machen wir Pause und lesen uns gegenseitig über die verschiedenen Gebäude die historischen Gegebenheiten vor. Wir erfahren, dass Markgräfin Wilhelmine eine ganz wichtige Person für die musikalische Entwicklung in Bayreuth war, aber auch von Wagner und seinem Werk, das er hier zum Teil geschrieben und auch in seinem Festspielhaus aufgeführt hat.
Leider werden wir keines der Häuser von Innen besichtigen, das Opernhaus hätte mir sicher gefallen. Aber noch immer muss man in allen Museen und Häusern eine FFP2 Maske tragen. Ins Opernhaus ginge ich gern, wenn ich dann auch Musik hören könnte und die Ambiance spüren könnte. Die Preise für Konzertkarten sind horrend und es gibt jetzt noch keine Konzerte.

Am 1. Juni sind wir seit unserem Start am 7. Mai, genau 1000 km geradelt!

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