Zwischen Avola und Noto

Ende Oktober erhalten wir das Angebot von Alberto, dem Besitzer des Campingplatzes, seinen alten Wohnwagen zu mieten, der da schon länger leer steht. Das sei doch besser als eine Wohnung zu mieten, wo wir bei einem Lockdown (der bei den steigenden Covid19 Zahlen auf Sizilien wieder droht) ganz alleine sein würden ohne Kontakt zu anderen Menschen. Nach einer ersten Besichtigung und Beschnüffelung, bin ich einverstanden, das ist doch wieder mal etwas Neues! Noch muss Alberto aber den Wohnwagen ausräumen, auslüften und putzen, die undichten Fenster an der Front verschliessen, damit er bewohnbar wird. Wir sind unterdessen in unserem Zelt noch sehr gut aufgehoben. Die Sonne scheint, die Temperaturen steigen tagsüber immer noch auf 22-24 Grad, was wollen wir mehr? Wir fahren ein bisschen in der Umgebung herum, lernen die Städtchen kennen und gewöhnen uns wieder einmal ans Sesshaft sein. Das Meer ist in 10 Minuten zu Fuss erreichbar, je nach Wind hört man das Rauschen der Wellen in der Nacht.

noch ist er eher ein Schuppen

Mit unseren Mitbewohnern auf dem Platz freunden wir uns an, Martin beginnt, täglich mit zwei anderen Männern Dart zu spielen. Abends sitzen wir manchmal bei Pizza und einem Glas Wein zusammen und diskutieren, dabei verbessern wir oft die ganze Welt. Als die Nachricht „Zona arancia“ kommt, macht das uns kaum etwas aus. Wir dürfen unsere Gemeinde Noto nicht mehr verlassen, die Restaurants alle Museen und archäologischen Stätten auch) müssen schliessen, es gibt eine nächtliche Ausgangssperre. Aber wir sind hier gut aufgehoben und brauchen weder nächtliche Ausgänge, Restaurantbesuche oder Ausflüge. Noto ist eine sehr grosse Gemeinde, 7 km von unserem Campingplatz entfernt, die Grenzen verlaufen weit hinten in den Hügeln. Nur nach Avola dürfen wir nicht mehr, das wäre zum Einkaufen etwas weniger weit.
Freunde von uns (Ernst und Antonia) waren schon weitergefahren, sie wollten sich Sizilien ansehen. Als ich ihnen von den Einschränkungen schreibe, beschliessen sie, wieder zurückzukommen. Die beiden haben anfangs 2020 ihr Geschäft verkauft, wanderten dann fast bis ans Meer in Italien. Covid19 hat auch ihre Pläne durchquert, so sind sie jetzt mit ihrem Wohnwagen in Sizilien und überwintern. Mit den Beiden beginnen wir jeden Tag mit 20-30 Minuten Yoga, das tut gut! Oh, sind wir aber steif geworden!

am Feuer lässt sich gut zusammensitzen!
links oder rechts? ;-)

Am 16. November können wir in „unseren“ Wohnwagen einziehen. Am Morgen machen wir uns daran, unsere Sachen aus dem Zelt zu räumen. Das provisorische Küchenregal zügeln wir zum Wohnwagen, die Kisten werden umgebaut zu einem Gestell für den Gasherd.
Der Wagen ist alt, die Gasleitungen sind nicht mehr zu gebrauchen, wir werden draussen auf einem Gasherd kochen. Dann eine Überraschung: den Wassertank suchen wir vergebens, der wurde schon vor langer Zeit mitsamt der Wasserpumpe ausgebaut. Also auch kein fliessend Wasser im Wagen. Macht nichts. Aber die Toilette kann man auch ohne Wassertank und Pumpe benützen. Im Notfall!
Zum Heizen besorgen wir uns einen kleinen elektrischen Keramik-Heizlüfter. Der „Senator“ ist zwar ein grosser englischer Wohnwagen, mit Ost- und Westflügel (es wird schon gewitzelt darüber) und absolut ein Upgrade für uns, nach den vielen Wochen im Zelt! Aber immer noch klein genug, um mit einem kleinen Heizlüfter eine wohlig warme Raumtemperatur zu erreichen. Jaja, es soll in Sizilien auch kalt werden.

Nun müssen wir nur noch das Zelt ein bisschen putzen, da wir es für 2-3 Monate nicht brauchen. Mit dem feuchten Lappen und Schwamm entfernen wir Staub, Schmutz und Flecken. Und da passiert es: Ein reissendes Geräusch und quer über das Vorzelt zieht sich ein mindestens 30cm langen Riss!!! Wir wissen, dass unser Zelt schon ein bisschen lange an der Sonne stand, aber dass der Stoff dann so schnell reisst, bei einer so sanften Behandlung…nicht auszudenken, wenn uns das vor einigen Wochen beim letzten Gewittersturm in der Nacht passiert wäre!

Wir haben ja schon ein paar kleine Risse von den spitzen Krallen der Katzen, die versucht haben einzudringen, aber der Stoff hat nie so nachgelassen. Ripstop! Haben wir gedacht! Nach einigen Tagen und Korrespondenz mit „unserem“ Outdoorladen in der Schweiz wissen wir: ganz normale Abnützung, vor allem die UV Strahlung zersetzt mit der Zeit den Stoff, so dass er so spröd wird und irgendeinmal reisst. Nun, wir haben ja zum Glück Zeit, uns das weitere Vorgehen zu überlegen.
Der Zeitpunkt für den Umzug ist genau richtig. Die erste Nacht gewittert und schüttet es wie verrückt. Wir sitzen hellwach da. Das ist ja ein Riesenlärm, dieses Getrommel auf dem Dach! Mitten in der Nacht untersuchen wir, ob es irgendwo reinregnet, aber Glück gehabt. Beruhigt legen wir uns schlafen und nach einer Weile wirkt das Trommeln sogar richtig einschläfernd! Jedenfalls erwachen wir am nächsten Morgen erst kurz vor neun Uhr!
Wir geniessen es, wieder einmal mit drei Pfannen gleichzeitig zu kochen, die Eintöpfe von unterwegs lassen wir jetzt ruhen. Die verschiedenen Weine aus der Gegend müssen wir natürlich probieren, der Nero d’Avola hat einen guten Ruf. Und für Apéro oder Verdauungshilfe haben wir auch etwas im Schrank!
Das Wetter bleibt eine Weile unbeständig, dafür gibt es wunderschöne Stimmungen am Himmel.

Die Zeit vergeht im Flug, Schon dürfen wir wieder Ausflüge machen, die Zahlen der Infektionen mit Covid19 haben sich vermindert auf Sizilien und wir werden wieder zur Zona Gialla erklärt. Mit Ernst und Antonia fahren wir nach Syrakus, wir möchten gerne dort die Ausgrabungen anschauen gehen, griechische Tempel und Theater, Römische Ruinen und ein Museum. Aber wir stehen vor geschlossenen Toren, diese Stätten bleiben geschlossen. Also lassen wir das Auto stehen, laufen durch die Stadt, besichtigen ein paar Kirchen von aussen, essen in einer Pasticceria ein paar Süssigkeiten, flanieren durch die Gässchen der Altstadt, der Isola Ortygia, besuchen die Kathedrale, die in die Säulen eines griechischen Tempels reingebaut wurde. An der Lungomare Alfeo, wo man den Sonnenuntergang geniessen kann, setzen wir uns in eine Bar und machen genau das, mit einem Apéro und ein paar Kleinigkeiten zum Essen. Von diesem Ausflug können wir wieder ganz lange zehren! Die Beiden fahren nämlich weiter, sie wollen wild stehen und Sizilien kennenlernen.

Es fahren ein paar andere Leute im Camper her, mit einigen haben wir sofort Kontakt, andere fahren nach ein paar Tagen weiter, ohne dass wir sie überhaupt gesprochen haben.
Wir lernen Menschen kennen, die ein so erfülltes Leben haben, jedes immer wieder anders. Es kommt mir manchmal vor, wie wenn ich in einem Buch mit vielen Biographien lesen würde, aber diese Menschen sind real vor mir. Und alle haben einen eigenen Weg gewählt, um ihr Leben zu leben.
Das sesshafte Leben tut gut, gerade in dieser etwas unsicheren Zeit, in der immer wieder das Virus alle Pläne durchquert. Wir leben von Tag zu Tag, die Zahlen in der Schweiz steigen und wir wissen, wir können und wollen nicht heim. Obwohl wir gerne unsere Kinder, Familie und Freunde wieder einmal in den Arm nehmen möchten!

Lesen drinnen bei Regenwetter

Wir feiern in kleinem Kreis Weihnachten und den Jahreswechsel, essen gemeinsam im Pavillon. Wir sind noch 9 Personen auf dem Platz. Italien wird zur Zona Rossa erklärt, niemand sollte herumreisen über die Feiertage. Wir dürfen den Camping nicht verlassen, ausser für die lebensnotwendigen Dinge. Sport gehört jetzt auch ganz offiziell dazu. Das nützen wir und wandern am Strand entlang oder fahren mit unseren Fahrrädern eine Runde in der Gegend. Schliesslich muss man die weihnächtlichen Mahlzeiten verdauen.

Die Zeit vergeht uns im Flug, schon bald ist Frühling und wir können wieder losfahren. Wir freuen uns darauf!

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