Argostoli

Eines unserer Privatsträndli

Wir wohnen nun auf dem Camping in Argostoli. Er liegt an der Spitze der kleinen Halbinsel, etwa 2Kilometer durch einen Pinienwald von der Stadt entfernt. Auf dem Platz sind nur wenige andere Gäste, die meisten auch mit dem Zelt: Belgien, Bulgarien, Griechenland, Italien, Österreich, Serbien, Tschechien, Ungarn. Familien und Pärchen aus Nationen, die wir sonst kaum irgendwo auf einem Camping angetroffen haben.
Am Wochenende ist es etwas voller, da wird es bei den Toiletten und Duschen schon etwas enger. Die Ablagen im Küchenhäuschen werden ziemlich schmutzig und der  Kühlschrank platzt fast aus den Nähten! Hier sind die Richtlinien fürs Putzen noch nicht angekommen. Einmal im Tag genügt! Und das in Zeiten von Corona! Wir verhalten uns azyklisch, duschen, wenn sonst niemand dort ist und desinfizieren die Hände nach jedem Gang zu den gemeinschaftlich genutzten Räumlichkeiten.

Eines Tages bekommen wir einen neuen Nachbarn. Ein junger Mann wird mit dem Auto der Besitzer zu einem der kleinen Hüttchen neben unserem Zelt gebracht, sein Gepäck wird ausgeladen und er zieht fröhlich pfeifend ein. Er wandert ein paarmal an uns vorbei, jedes Mal ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht, von einem fröhlichen Calimera oder good morning begleitet. Später kommt er zu uns, wir plaudern zusammen. Tauschen uns aus über unsere Herkunft, erzählen von unserer Reise. Er kommt aus Bangladesh, lebt seit ein paar Jahren in Athen, ist hier der neue Putzmann, eigentlich wäre er ein Kellner auf Rhodos, aber sein Hotel macht dieses Jahr wegen den fehlenden Touristen gar nicht auf. Deshalb suchte er irgendeine Arbeit, Hauptsache Arbeit und Einkommen. Schon am Nachmittag ist er an der Arbeit, die Toiletten und Duschen werden blitzblank, Seifenspender und Desinfektionsmittelspender sind wieder aufgefüllt. Der Abfalleimer endlich wieder einmal geleert. Gute Arbeit. Der Platz hat mehrere Toilettenhäuschen, aber „unseres“ ist das Neueste, meist benutzte. Er putzt aber auch die anderen, ist wahrscheinlich auch in der Küche an der Arbeit. Gegen Abend kocht er dann im Küchenhäuschen sein Abendessen, Reis und ein scharfes Hühnercurry, wir riechen es aus 50 Meter Distanz. Während dem Kochen telefoniert er mit seinen Freunden, Familie, etc. hat das Handy unter dem T-Shirt auf der Schulter, damit er beide Hände frei hat. Wir hören zu, verstehen gar rein nichts. Er lacht oft, hat viel zu erzählen, noch aus seinem Häuschen hören wir ihn bis in die Nacht hinein mit seinen Leuten plaudern. Ein schwieriges Leben, so allein, so jung, weg von all seinen Freunden. Was er wohl schon alles erlebt hat? Wir denken unweigerlich an die vielen Flüchtlinge in all den Camps hier in Griechenland, ist er einer von Ihnen? Hat er Glück gehabt, weil er Arbeit gefunden hat? Oder Pech, weil er zu einem Hungerlohn und ohne Versicherungen arbeiten muss?
Fragen über Fragen die uns beschäftigen.
Nach ein paar Tagen, wir sitzen am Frühstück, da kommt er ganz aufgeregt zu uns, sagt uns, dass er geht. Gehen muss. Er hat doch gut gearbeitet, es war jetzt immer schon frühmorgens sauber, aber er ist zwischendurch zu seinem Häuschen gegangen und hat etwas zu essen geholt, da hat ihm der Chef gekündigt….???
Wir haben nie gesehen, dass er eine Einführung in den Job gehabt hätte, dass ihm jemand gezeigt hätte, was er zu tun hat. Er ist aufgewühlt, telefoniert den halben Morgen, mal tönt er wütend, dann wieder verzweifelt. Und wir sitzen da und können nicht helfen, wie auch? Seine Welt unterscheidet sich so sehr von unserer, wir sehen keinen Weg, uns einzumischen und etwas für ihn zu bewirken. Bevor er abreist, bedanken wir uns für seine Arbeit, wünschen ihm alles Gute. Ein schales Gefühl bleibt in uns. Wir gehören zu den Gewinnern in diesem System. Begegnungen wie diese zeigen, wie es den Menschen geht, die nicht so grosses Glück gehabt haben wie wir.

Oder der Grieche, der in einem kleinen Zelt wohnt. Ein kleiner Smart-Sportwagen, Zweiplätzer, steht daneben, eine Plache verdeckt das Fenster in der Fahrertüre, die Scheibe ist kaputt. Der Mann bewegt sich aber vor allem mit einem Motorrad, z.B. zum Einkaufen bei Lidl, etwas ausserhalb der Stadt. Aber auch, wenn er an den Strand geht, oder unter die Dusche, oder im Kühlschrank ein Bier holt, immer fährt er mit seinem Motorrad. Er ist klein und dick, etwas Bewegung täte ihm gut. Er spricht ein wenig englisch, wir unterhalten uns ab und zu im Küchenhäuschen. So erfahren wir ein wenig über sein Leben: Er war Wrestling-Boxer, später dann Coach, in der Krise hat  er alles verloren und 17 Monate auf der Strasse in Athen gelebt. I fight for food, sagt er. Heute geht es ihm wieder besser, aber sein Vater sei vor zwei Wochen gestorben, deshalb brauche er ein wenig Distanz zu seiner Familie, sein Vater war sein bester Freund. Er bietet uns seine Spaghetti an, seine Zwiebeln und auch sein Olivenöl dürften wir brauchen! Wir lehnen dankend ab, sagen ihm, wir haben selber Pasta und Zwiebeln, und Olivenöl aus Kalamata. Er freut sich und erklärt uns die Unterschiede der Öle…Nach ein paar Tagen zieht er in ein grösseres Zelt, seine Familie werde kommen, er räumt auf, da seine Habe in tausend verschiedenen Plastiktaschen rund ums Zelt herumliegt. Er hat wieder bei Lidl eingekauft, ein kleines gelbes Zelt, für die Tochter, und einen blauen Sack, der als Liegesack dienen soll. Martin will ihm helfen den Sack aufzublasen, aber da geht die Luft gar nicht richtig rein, eher immer wieder raus. Völlig unbrauchbar. Er wird ihn wieder zurückbringen, 15 Euro gespart! Am Freitag dann trudelt die Familie ein, da im Auto und auf dem Motorrad nur eine zweite Person Platz hat, muss er ein paarmal fahren, bis alle da sind. Seine Frau und zwei erwachsene Töchter, alle sind zu dick, eine Tochter kann schon fast nicht mehr laufen, so viele Kilos zuviel hat sie. Warum nur ist dieses Mädchen so dick geworden? Warum nur hat niemand ihr geholfen? Hat sie sich nicht helfen lassen? Wovor muss sie sich schützen mit dieser Schicht Fett rundum? Auch hier Fragen über Fragen!
Und da, am Abend, vermisst unser Grieche Fleisch aus dem Kühlschrank. Der Dieb soll mit mir kämpfen, sagt er wütend zu Martin. Und dieser antwortet, niemand will mit dir kämpfen, du bist zu stark. Das nimmt dem Mann den Wind aus den Segeln, er beruhigt sich, freut sich über das Kompliment. Martin hat manchmal schon das Gespür für die richtigen Worte!

Die Stadt ist morgens voller Leben, das Chaos auf den Strassen ist typisch griechisch: auf beiden Seiten wird geparkt. Wenn gerade kein Platz frei ist (was meistens der Fall ist), hält man vor dem Geschäft an, Warnblinker rein, und dann kann man einkaufen, ohne zu viele Schritte zu machen. Der Verkehrsfluss stockt manchmal, vor allem wenn ein Lieferwagen oder Lastwagen zu breit ist. Dann wird schon mal gehupt, und halt gewartet, bis der Besitzer des Hindernisses seine Einkäufe erledigt hat und weiterfährt. Das geht alles ziemlich unaufgeregt vor sich, selten sieht man jemanden fluchen oder die Hände verwerfen.
Am Nachmittag ist die Stadt dann wie ausgestorben, viele Geschäfte sind geschlossen, in den Tavernen sitzen vielleicht ein paar Gäste, aber es ist sehr ruhig. Das ist  ganz normal, es ist so heiss und die Griechen machen Siesta!
Abends, nach 19 Uhr, beginnt das Leben wieder, es wird spaziert und flaniert, so wie wir es aus vielen anderen südlichen Ländern kennen! Bis zum Ende der Fussgängerzone, dann zurückspaziert und das ganze nochmals von vorne…und so ab 20.30 Uhr füllen sich einige der Tavernen, aber da geniessen wir schon längst  unser Abendessen.

Frühmorgens ab 6Uhr machen wir ab und zu eine Runde mit dem Fahrrad (20-40 Km). Anschliessend ist das tägliche Bad im Meer angesagt, wir haben in einem Pinienwald einen wunderschönen Platz gefunden, wo es uns sehr gefällt, es hat viele kleine Mini-Strändchen, einige mit Sand, andere mit weissen Kieselsteinchen, mitten in einer felsigen Küstenlandschaft. Die Zufahrt geht über ein holpriges Natursträsschen, das man von der Strasse aus fast nicht sieht.  Meistens sind wir allein da, und geniessen es in vollen Zügen. Viele Tage streichen dahin mit diskutieren, lesen und faulenzen. Ein paar Mal versuchen wir, Brot zu backen auf dem Gasherd, haben sogar eine Backform gekauft zu diesem Zweck. Die ersten Resultate sind noch nicht sehr ermutigend. Wir müssen uns wahrscheinlich damit begnügen, Fladenbrot herzustellen, das ist essbar, hat aber noch einiges an Verbesserungspotenzial.

Rückfahrt mit der Fähre von Lixouri

Chris und Anita nehmen uns mit auf einen Ausflug zum Melisana-Cave, einem halb unterirdischen See. Der Massentourismus fehlt, der Bootsführer auf dem See erzählt von normalerweise 3000! Gästen täglich im Juli und August. Jetzt  sind nur ein paar wenige Leute, die sich den See zeigen lassen. Schön für uns, schlecht für ihr Geschäft!

…ein Bad in einer blauen Bucht mit ein paar Segelbooten…

Die Tropfsteinhöhle, die wir anschliessend besuchen, ist ein trauriges Beispiel dafür, wie negativ sich der Massentourismus auswirken kann: fast alle grossen Stalagmiten und Stalaktiten sind  abgebrochen, die Felsen sind schwarz und grün vom Licht und den Berührungen und Ausdünstungen der Menschen, die hier durchgeschleust werden.
Auf dem Rückweg fahren wir auf den höchsten Berg der Insel, den Ainos, 1628 M. Es ist angenehm kühl hier oben, die Aussicht etwas milchig. Der Tannenwald und der graue Fels erinnert mich an den Jura, die Aussicht oben noch mehr, nur war das Meer damals im Jura ein Nebelmeer!

Vor einer Woche hatten wir uns für einen 14-tägigen, freiwilligen Einsatz bei Wildlifesense (der Schildkröten-Organisation) angemeldet. Nun haben wir Antwort erhalten: Leider ist es dieses Jahr nicht möglich, die Einsätze durchzuführen, da viele der Angemeldeten gar nicht kommen können, weil Flüge gestrichen sind und die Leute aus England und den USA noch gar nicht nach Griechenland einreisen dürfen.
Alles abgesagt! Schade!
Wir wären ja da auf der Insel und wären bereit gewesen, die Nester der Schildkröten an den Stränden zu finden und zu beschützen. Aber sie sind da gar nicht darauf eingegangen.

Jetzt ist wieder alles offen, Nach fast zwei Wochen hier auf dem Camping bekommen wir langsam wieder Lust aufs Weiterfahren! Argostoli gefällt uns zwar immer noch sehr gut, aber das Reisefieber beginnt wieder stärker zu werden! Mal sehen was sich daraus ergibt!

Ein Fischrestaurant mit excellenter Aussicht, und sehr gutem frischen Fisch!

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