Südfrankreich

dsc_4515-suedfrankreichAuf dem Zeltplatz in Avignon haben wir einen Mann kennengelernt, der in seinem uralten klapprigen Auto lebt. Er hatte viele Jahre in verschiedenen Hotels gearbeitet, am letzten Ort musste er kündigen und jetzt findet er  keinen Job mehr. Das ist seine Version. Wie lange jetzt ist wissen wir nicht. Von weitem nimmt man ihm den Portier oder sogar den Kellner noch ab, aber wenn er bei uns stehenbleibt, um mit uns zu schwatzen, sieht man dem Kragen von seinem weissen Hemd an, dass es sicher schon seit Wochen keine Seife gesehen hat. Und riecht, dass auch er mal die Dusche benützen sollte. Er schläft in den Kleidern auf dem Fahrersitz und der einzige Luxus den er besitzt, ist sein Gaskocher, auf dem er seine Mahlzeiten brutzelt. Aber, er ist sehr grosszügig, will uns zu einem Glas Wein einladen (wir haben aber unsere Flasche auch gerade aufgemacht) und füttert die Katzen, die da auf dem Camping herumlaufen. Besonders eine hat es ihm angetan, die kommt durchs Fenster zu ihm ins Auto, wenn er schläft und kuschelt sich auf den Beifahrersitz. Diese Begegnung gibt uns sehr zu denken, das in einem Land wie Frankreich! Wie lange er schon so lebt, haben wir nicht herausgefunden.
dsc_4513-suedfrankreich dsc_4517-suedfrankreich
Und wieder hat es Martins Hinterreifen erwischt, natürlich gerade als wir am Morgen wegfahren wollen!
dsc_4514-suedfrankreich Nach 2 Tagen anklimatisieren in Avignon radeln wir auf kleinen „weissen“ Strässchen durch die Landschaft Richtung Arles. Wir sind erstaunt, was zwei Stunden Zugfahrt ausmachen und eine Gegend sich verändert. Wir sind wirklich in Südfrankreich angekommen! In einem Städtchen kommen wir gerade ein bisschen zu spät, der Markt ist gerade zu Ende, aber wir haben Glück und können noch Gemüse und Früchte und 2 Geissen-Käsli kaufen. Wir haben gemerkt, dass man kaum mehr frischen Käse einkaufen kann, ausser eben auf den Märkten.
Die Fahrt durch die Camargue gefällt uns auch sehr gut, wir können uns aber schwer vorstellen, wie es wohl hier im Sommer ist. Vor allem verkehrsmässig, aber das wollen wir uns gar nicht vorstellen.
dsc_4524-suedfrankreich dsc_4525-suedfrankreichAuf einem 2000-plätzigen Camping in le Grau du Roi hat es noch ziemlich viele Leute, aber aha! Es ist Freitag vor Allerheiligen, Toussaints, fast wichtigster Feiertag, mehr noch als Weihnachten oder Ostern, und die Kinder haben schulfrei bis am Mittwoch. Da haben sich doch einige noch ein paar Tage Ferien gegönnt, das Wetter ist ja auch super. In der Reception muss ich anstehen und fast eine Viertelstunde warten! Das ist uns schon lange nicht mehr passiert.
Am nächsten Tag „bummeln“ wir den Veloweg auf dem Streifen zwischen Meer und Lagune entlang. Der Strand ist gut besucht, es hat sogar noch einige Leute die baden! Auch hier staunen wir: Es hat Zugänge zum Strand durch die Dünen, die nummeriert sind, wir sehen die Nummer 79! Und hinter den Dünen riesige, gähnend leere Parkplätze, und noch weiter dahinter, bevor die Lagune beginnt, die stark befahrene Strasse.
dsc_4531-suedfrankreich
Wir machen eine lange Mittagspause am Strand,  bis es uns zu heiss wird!
In Palavas-les Fonts haben wir ein Hotelzimmer reserviert, da hier gar keine Campings mehr offen sind. Und zwischendurch muss man sich etwas gönnen. Wir werden in einem anderen Hotel untergebracht als dem gebuchten und das wird zum Upgrade für uns! Ein grosses, sonniges Zimmer, und vom Pool unten hört man die anderen Gäste plaudern und lachen. Das Dorf, ich muss wohl sagen der Dorfkern, ist noch gemütlich, Palavas war einmal ein Fischerdorf und hat seinen alten Charme ein wenig behalten. Vorne am Hafen steht eine Beiz neben der anderen, die den Gästen das Geld aus der Tasche ziehen wollen, aber zum Flanieren ist uns das gerade recht. Anstatt Muscheln oder Fisch zu essen, suchen wir uns in einem hinteren Gässchen eine Pizzeria aus, die noch offen hat und moderate Preise hat. Ein Glücksfall, denn die Pizza ist aus dem Holzofen und sehr lecker! Die Muscheln essen wir dann wieder in Spanien!dsc_4562-suedfrankreich
Gut ausgeschlafen und bei Sonnenschein, geht es weiter, mal der Küste, mal einer Lagune entlang, manchmal sind wir auf der Eurovelo 8, manchmal nicht. Diese Euroveloroute, auf dem Papier und im Internet schon fertiggestellt, ist in Realität leider noch an vielen Orten nicht ausgeschildert, führt über stark befahrene Strassen oder über Wege, die bei viel Regen unpassierbar werden. An einigen Orten wurde viel investiert in Velobrücken und separate, frisch geteerte Strässchen.  Auf dem GPS ist sie durchgehend als blaues Band markiert, aber wie der Zustand ist, ist für uns immer wieder eine Überraschung.dsc_4536-suedfrankreich dsc_4538-suedfrankreich img_1251-suedfrankreich
In Marseillan-Plage, einem fast ausgestorbenen Sommerferien Dorf, oder Stadt? finden wir an der verschlossenen Türe der Touristinformation eine Liste mit allen Campings und ihre Öffnungszeiten. Welche Überraschung, da hat noch einer offen, La Plage. Da gibt es Stellplätze, von denen man aufs Meer schauen kann. Diese sind fast alle besetzt, von Campern aus ganz Europa. Da sind sie also wieder, die „Winterflüchtlinge“! Gut, wir gehören da ja auch ein bisschen dazu. Aber wir bleiben unten, zwischen den Büschen und Bäumen, in der Hoffnung, dass unser Zelt nicht so nass wird. Naja, einige Hoffnungen vergehen nie, auch wenn wir es eigentlich wissen sollten. Schon am Abend beginnt es, sobald es dämmert kommt der Tau und befeuchtet alles, und dann die klare Nacht, vielleicht 10 Grad oder sogar ein bisschen weniger, und wir im Zelt, mit unserer Wärme und den Ausdünstungen, da kann es einfach nicht trocken bleiben. Das Zelt ist morgens innen und aussen tropfnass, sogar im Innenzelt werden die Wände feucht.
Ein anderes Detail, an das wir uns schon seit Avignon gewöhnen mussten, sind die Mücken! Die haben sofort entdeckt, dass wir völlig ahnungslos unsere Beine nicht eingepacken, und haben sich sofort auf sie gestürzt! Es vergehen einige Tage, bis wir eine Strategie entwickelt haben, um uns nicht mehr stechen zu lassen. Etwas Gutes haben die Mücken aber schon: Endlich kann ich das seit über einem Jahr mitgeschleppte „AntiBrumm“ benützen! Und die Salbe für danach, wenn‘s juckt, kann nun auch ihren Zweck erfüllen, mehr als uns lieb ist!
Am frühen Morgen, Winterzeit, Sonnenaufgang, ich stehe oben auf der Düne und schaue, wie die Sonne wie ein roter Ball aus dem Meer steigt, aber alle Camper, die da stehen, haben noch die Fenster geschlossen und verbarrikadiert, niemand sieht das wunderbare Spektakel, das die Sonne hier jeden Morgen bietet! Man könnte das vom Bett aus verfolgen! Da werde ich doch gerade ein Moment lang neidisch, ich stehe da, mit Daunenjacke, Faserpelzjacke um die Hüften und der Mütze auf dem Kopf und geniesse diesen schönen Morgen! Aber schnell bin ich wieder glücklich, der Boulanger kommt nämlich vorbei und wir haben ein gediegenes Frühstück mit Croissants und frischem knackigen Brot.dsc_4542-suedfrankreich dsc_4543-suedfrankreich dsc_4546-suedfrankreich dsc_4547-suedfrankreich
Die Sonne war wirklich rot, aber ich habe es der Kamera nicht beibringen können, sie auch rot zu machen!
dsc_4559-suedfrankreichDer Canal du Midi hat mich schon lange interessiert, beinahe wären wir einmal mit den Kindern dort hin, um Bootferien zu machen, jetzt sehen wir ihn, fahren auf schmalen Wegen entlang des Wassers, Die Alleen der alten Bäume beeindrucken sehr, aber ihre Wurzeln stören das gemütliche Fahren gehörig. In Beziers finden wir einen Wegweiser der Eurovelo, uns wären etwas kürzere Teilabschnitte lieber mit der angemessenen Beschilderung.img_1253-suedfrankreich
Dann müssen wir einer Deviation folgen, da ein Abschnitt nach den 9 Ecluses geschlossen ist. Es hatte hier ziemlich geregnet vor ein paar Wochen, es gab Überschwemmungen und wahrscheinlich ist irgendwo der Weg ins Wasser abgesackt. Wir folgen also der ausnehmend gut beschilderten Deviation für die Veloroute, bis wir vor einem Gitter stehen, das die Strasse ganz verbarrikadiert. Ab hier gibt es nur noch Schilder für die Autofahrer. Eine Deviation der Deviation! An einer Kreuzung hat es dann auf jede Seite ein Schild-  und wir können auslesen, welchem wir folgen möchten, jedem seine eigene Deviation! Zum Glück haben wir Karte  und GPS und finden unseren Weg auch ohne die „hilfreichen“ Schilder.
Das Wochenende gestaltet sich zum Einkaufen etwas schwierig, jeder Laden macht nach Gutdünken auf oder zu, sogar die ganz grossen Supermärkte haben geschlossen! Nur die Boulangeries haben offen, immer! Wir decken uns ein, mit Feinem zum Dessert und frischem Brot. Und unsere Notfallmenus, die wir immer haben, helfen uns auch, ohne Hungergefühl in den Schlafsack zu schlüpfen. Eine Flasche Wein bekommen wir an der Reception des Campings, und da steht neben dem Wein doch noch so ein grünes Kistchen mit Gemüse-Martin liest sich eine Aubergine und zwei Peperonis aus in der Annahme, dass es zum Verkauf ist, und sagt zu dem Mann, dieses Gemüse möchten wir auch noch. Dieser schaut etwas verwirrt drein und meint, das Gemüse sei für ihn,… Oh Pardon, das wussten wir nicht! Ah, mais non, je vous les donne, c’est bon! Und er schenkt uns sein Gemüse! Am Montag ist dann ein kleiner  Gemüse Laden in einem Dorf offen und wir können unsere Vorräte wieder aufstocken.
dsc_4566-suedfrankreichIn Narbonne auf der Tourist Information will ich wieder fragen, ob vielleicht ein Camping in der Nähe noch offen ist, vor mir ein paar verkleidetet Kids, die um Bonbons bitten, Halloween! Hier gehen die Kinder von Laden zu Laden und betteln so um Süssigkeiten. Und mir kommt in den Sinn, letztes Jahr waren wir in Alcaniz, Spanien, da waren auch die Kinder verkleidet unterwegs, genau gleich. Martin war erkältet und am husten, das Motorradrennen, der Camping und dann das unvergessliche Gewitter ein paar Tage später! Schon ein Jahr ist seither vergangen!
In der Information will der Herr mit einem Lächeln von mir wissen, ob ich auch Bonbons möchte, wir lache gemeinsam und ich bringe mein Anliegen vor. Und welch Wunder, es hat sogar einen offenen Campingplatz! Klein aber fein, könnte man sagen! Wir sind ziemlich allein, da er in keinem Führer aufgelistet ist. Ich spüre, dass mich Martin angesteckt hat und die Käferli erfolgreich sich in meinem Innern breit machen, Kratzen im Hals, Heiserkeit und schon beginnt die Nase zu laufen. Da wir jeden Tag weiterfahren und immer wieder zum Schwitzen kommen, geht das alles im Schnellzugtempo,
img_1255-suedfrankreichDer nächste Zeltplatz wird zum Albtraum. Eingeklemmt zwischen Autobahn, TGV  und stark befahrener Hauptstrasse, liegt  er fürs Auge eigentlich noch schön unter Pinien, aber der Lärmpegel ist immens und hört nie auf, die ganze Nacht fahren die Camions und Autos an unserem Zelt vorbei, ich schliesse kaum ein Auge und huste mich durch die Nacht. img_1256-suedfrankreichHier sieht man vorne die Masten des TGV, und hinten die Autobahn, leicht erhöht, dadurch dringt der Lärm ungehindert zu unserem Zelt. Völlig ermüdet fahren wir am nächsten Tag weiter, so langsam erscheinen im Dunst die Berge der Pyrenäen. In St. Cyprien fahren wir der Promenade entlang und sehen, dass hier noch ziemlich etwas läuft, erhalten wieder gute News, dass auch hier ein Camping das ganze Jahr offen hat und finden hier ein Plätzchen zwischen zwei Campervans.
dsc_4567-suedfrankreich Mein Gesundheitszustand hat sich rapide verschlechtert, ich bin müde und mag nicht mehr. Die Weiterfahrt ist ziemlich gefährdet, das Wetter will in zwei Tagen auch umschlagen und zwar richtig: Regen, Wind und tiefe Temperaturen, bis weit in die nächste Woche hinein. Und die Eurovelo ist auch so geheimnisvoll, wie ist sie in den Bergen? Wir haben keine Ahnung, was uns da erwartet, ein Strässchen? Ein Wanderweg? Eine Mountainbikestrecke? Sicher ist, dass es keine Dörfer hat auf der ganzen Strecke bis nach la Jonquera, Die Strecke ist kaum abzuschätzen, in kleinen Windungen geht es bergauf und wieder runter, wieviele Kilometer sind das? Wild zelten bei Wind mit Böen bis zu 90 km/h? Nein.
dsc_4574-suedfrankreichDa braut sich etwas zusammen, ein Kälteeinbruch ist vorausgesagt. Das wird nun zur Überraschung, nicht nur für Euch, auch für uns, wie es jetzt weitergehen wird. Wir könnten natürlich hierbleiben, ein Häuschen mieten auf dem Camping und warten bis es wieder besser wird?  Mit mir und dem Wetter!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.